VIOLA - Mathis Nitschke - Pasing by

VIOLA – ein Erfahrungsbericht von Karen Klauke

Mit dem bekannten Gefühl der Vorfreude bevor sich der Vorhang öffnet, nimmt man in den Stuhlreihen Platz. Gedrücktes Gemurmel und Gekicher im Raum unterscheiden sich kaum von einer herkömmlichen Theaterinszenierung. Dass man in einer Apotheke sitzt und durch deren Schaufenster nach außen blickt, erscheint in diesem Moment sekundär. Man betrachtet das lebendige Bühnenbild des Bahnhofsplatzes, die flanierenden Leute, Radfahrer, fahrende Busse. Voller Neugierde erwartet man den Beginn der Vorstellung. Dann setzt die Musik ein, die Stimmen verstummen. In Begleitung einer Bratsche wird Violas Gesang hörbar (Video und Info zu VIOLA: link >>) – ist sie denn bereits auf der Bühne? Eifrig sucht der Blick nach der Protagonistin. Ist es die Dame da drüben im Kostüm, die hastig aus dem Bahnhofsgebäude kommt? Oder die, die bereits suchend schauend an der Bushaltestelle steht? Beinah jede ist verdächtig.

Dann taucht sie unbemerkt zwischen den Passanten auf: eine schlanke Gestalt im Businessanzug, die sich vorerst kaum vom Umfeld abhebt. Doch ihr flüchtiger, unruhiger Blick, der durch die Gegend eilt, während ihr Körper merkwürdig verschlossen auf kleinem Radius agiert, gibt sie schlussendlich zu erkennen. Die große Sonnenbrille verwehrt den direkten Blick in die Augen. Mit den Fragen „Ist das jetzt Innen oder Außen? Ist heute noch gestern?“ beginnt sie ihr Stück. Aufopferungsvoll sucht die verwirrte Frau nach ihrem Liebhaber, der sie nicht einmal bei ihrem richtigen Namen zu nennen scheint: Viola – die Schmerzerfüllte, übersetzt aus dem Lateinischen. In der Hoffnung, ihren Liebsten dieses mal zu treffen, irrt sie in Zeit und Datum umher. Dann wieder klare Momente, in der sie die Absurdität ihrer Situation begreift. Doch es überwiegt die Verzweiflung; laut spricht sie mit sich selbst, energisch mit den um sie herum befindlichen Personen. „Ach ich fühl’s, es ist verschwunden, ewig hin der Liebe Glück“ zitiert sie stellenweise  Paminas Arie aus Mozarts Zauberflöte und damit die Worte einer Figur, die in ihrer Liebe zwischen zwei Menschen hin und her gerissen ist.

An dieser Stelle bekommt die Inszenierung jedoch weitere Darsteller: irritierte Passanten, die unfreiwillig zu Statisten werden. Manche ergreifen die Flucht, andere warten neugierig ab, wiederum andere bieten Hilfe an – vergeblich, sie sind bereits Teil der unabänderlichen Narration geworden. Doch manche ihrer Blicke verraten, dass die Situation durchschaut wurde. Sie entdecken das Publikum in der Apotheke, hören die Musik, die aus der solchen nach außen dringt, erspähen Violas Mikrophon und die akustischen Empfänger an der Apothekenscheibe. In diesem Moment kehrt sich die Bühne von außen nach innen: Erschien zunächst der Bahnhofsplatz als künstlicher Handlungsraum, wandert dieser nun in das vermeintlich geschützte Refugium der Apotheke. Erkannt und entlarvt wird hier der Betrachter der Szenerie nun selbst zum Darsteller. Angestarrt durch die Schaufensterscheibe dient er plötzlich der Unterhaltung der draußen stehenden Personen – ein Exponat im Glaskasten. Die Scheibe fungiert als durchlässige Membran, die fortan das Wechselspiel zwischen innen und außen unaufhaltsam antreibt.

Währenddessen ist der Betrachter im Zwiespalt von Belustigung der Passanten und dem Mitgefühl über Violas Tragödie gefangen. Wiederholt stellt diese die Frage nach dem Innen und Außen, greift damit exemplarisch den inneren Konflikt des Zuschauers auf. Schlussendlich verlässt sie langsam die Bühne, die Musik läuft noch eine Weile weiter bis sie ebenfalls verstummt, die Vorstellung ist vorüber. Das Bühnenbild verbleibt dennoch belebt; poetisch kommen Busse an und fahren wieder ab, Leute steigen aus und ein. Sie nehmen keine Notiz mehr von ihrer Rolle in Violas Geschichte.

Karen Klauke

Mehr zu VIOLA: https://mathis-nitschke.com/viola

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