Kassandra-Probe. Mit Chorleiter Hagen Enke.

Ich bin gerade in Bielefeld in den Endproben von Kassandra nach Christa Wolf. Premiere ist am Samstag, 21. Februar am Theater Bielefeld.

Info & Tickets: https://www.buo-bielefeld.de/theater/veranstaltung/kassandra

Ich möchte hier erzählen, wie dieses Projekt entstanden ist – weil es für mich exemplarisch zeigt, dass Musiktheater auch anders entstehen kann: weniger als fertiges Werk, das man „abliefert“, sondern als etwas, das sich gemeinsam entwickelt.

Oper: Königsdisziplin und Fremdkörper zugleich

In meiner Laufbahn durfte ich mehrere Male mit Orchester und Chor arbeiten: Filmmusik um 2008 herum, und dann die beiden großen Einakter Jetzt und Happy Happy an der Nationaloper Montpellier (2012/2014) – Orchester, Chor, Solisten, das ganze Besteck.

Wenn in einem Raum plötzlich hundert, zweihundert Menschen zusammenwirken, und der Kern dieses riesigen Apparats ist eine Partitur aus der eigenen Hand, ist das ein schwer zu erklärendes, sehr fulminantes Gefühl. Und es lässt einen auch nicht los.

Gleichzeitig war ich nie der geborene Opern-Mensch. Ich hatte lange wenig Bezug zum klassischen Gesang. Und noch weniger zum Opernbetrieb: seinen Stoffen, seinen Ritualen, seiner oft erstaunlichen Reaktionärheit.

Erst über das Machen habe ich diese Gattung für mich verstanden – und erst dadurch auch die Enttäuschungen erlebt, die andere schon seit Jahrzehnten beschreiben: dass das Aufregende kurz aufpoppt und dann wieder von der institutionellen Konservativität aufgefressen wird.

Anfang 2024 durfte ich diese Spannung in einem Vortrag am FIMT (Musiktheaterinstitut Bayreuth) einmal ausführen:
„Neue musikalische Erfahrungen durch neue Technologien oder Was ist eigentlich Oper? Eine Suche.“

Kürzlich erschien der Text in einem Sammelband der Vortragsreihe: ACT: Oper und Co. für die Zukunft!?
https://ojs.uni-bayreuth.de/index.php/act/issue/view/58

Sommer 2024. Urlaub in Venedig. Markusplatz. Ich bin gerade in einem komplett privaten Moment – und dann ruft mich plötzlich die Regisseurin Nadja Loschky an, vermittelt durch die Dramaturgin Yvonne Gebauer.

Nadja erzählt mir von ihrem Vorhaben: Kassandra nach dem Roman von Christa Wolf. Als Schauspielmonolog – aber spartenübergreifend gedacht: mit Orchester und Chor. Von Anfang an geplant um die Schauspielerin Christina Huckle herum.

Die ursprüngliche Idee war, mit bestehenden Musiken aus dem Kanon zu arbeiten. Meine Rolle wäre gewesen, diese Musiken zu verbinden: Übergänge, Sounddesign, Verknüpfungen, sodass daraus ein homogener Abend wird.

Das fand ich nicht uninteressant. Aber ich habe ziemlich schnell gesagt: Wenn ich dabei bin, dann würde ich lieber den Abend durchkomponieren.

Und damit begann dieses Projekt.

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Bis es organisatorisch und finanziell wirklich „auf dem Weg“ war, dauerte es. Das Theater hat Förderung beantragt – und auch bekommen – vom Land Nordrhein-Westfalen, Fonds für Musiktheater. Herzlichen Dank dafür.

Als es dann konkret wurde, hatte ich eigentlich keine Zeit mehr. CORPUS (mein KI-Musikprojekt) war bereits voll im Lauf, und ich war ehrlich gesagt ratlos, wie ich das in der Intensität stemmen soll, die es braucht.

Und genau hier liegt der eigentliche Kern dieser Arbeit: Ich habe die Musik nicht alleine gemacht. Ganz im Gegenteil.

Selfie mit Dirigentin Anne Hinrichsen vorm Theater Bielefeld
Selfie mit Dirigentin Anne Hinrichsen vorm Theater Bielefeld

Mit Jörg Hüttner arbeite ich seit Jahren eng zusammen. Ein sehr eingespieltes Team – ursprünglich aus dem Synthesizer-Programming heraus, aber längst auch kompositorisch. Bei MAYA (2017) begann diese Arbeitsweise: Material entsteht gemeinsam, und ich forme daraus eine Komposition, die eher kuratiert als „aus einem Guss geschrieben“ ist.

Und es geht noch weiter zurück: Eines der ersten Stücke, die so entstanden sind, war vor bald 30 Jahren eine Arbeit mit dem Cellisten Mathis Mayr. Dass ausgerechnet Mathis jetzt auch bei Kassandra dabei ist, ist für mich kein Zufall.

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Als die Frage kam: Wie machen wir das jetzt mit Orchester und Chor? gab es da eine Verbindung, die schon länger existierte: Stefan Behrisch. Über Jahre hinweg gab es eine beidseitige Neugier. Wir liebäugelten damit, mal etwas zusammen zu machen. Diesmal passte es.

Wir haben viele Vorgespräche geführt, konzeptionelle Diskussionen – und auf der Grundlage dieser Ideen entwarf Stefan einen Katalog von kompositorischem Material, noch bevor es überhaupt eine Textfassung gab.

Die Komposition orientiert sich lose an den Modi von Olivier Messiaen. Weniger als Stilzitat, mehr als strukturelles Werkzeug. Die Musik ist blockhaft organisiert: große Klangfelder, klar unterscheidbare Zustände, innerhalb derer sich Dichte, Dauer und Energie flexibel verändern lassen.

Diese Musik hat dann in unsere Regie-Konzeptionsgespräche hineingewirkt. Und daraus entstand die Textfassung, auf die hin wiederum ich das Material konkret für diesen Abend ausformuliert habe.

Zentrale Motive sind Zeit und Stillstand: aufschichtende, opake Klangmassen; ein nervös tickender Puls; dräuende, beschleunigte Zeit bis zur Panik; Momente des Nachlassens, der Leere, der Einsamkeit. Der Chor wird nicht nur singend, sondern auch flüsternd und sprechend eingesetzt, das Orchester oft als atmende Klangfläche. Die Musik trägt den Monolog, kommentiert ihn nicht, tröstet nicht. Sie bleibt – auch dort, wo sie scheinbar verstummt – als erfahrbare Zeit präsent.

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Ich begleite den gesamten Entstehungsprozess aus der musikdramatischen Perspektive und bin auch jetzt in den Proben die ganze Zeit dabei. Und am Ende mache ich tatsächlich auch das, was ursprünglich von mir gewünscht war: die Stücke miteinander zu verbinden – Soundcollagen, Übergänge, Reibungen, Atmosphären, die den Abend zusammenhalten. Diese Soundkompositionen sind wiederum in enger Zusammenarbeit mit Jörg entstanden.

Und dann gibt es noch eine Zutat, die für diesen Abend entscheidend ist: Mathis Mayr am Cello. Er ist improvisierend im Stück dabei – live an den Abenden. Sein Beitrag ist nicht vorformuliert. Er ist in den Proben entstanden, im Zusammenspiel mit Christina.

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Was mich an diesem Projekt so freut, ist: Hier ist Musiktheater ein kollaborativer Prozess, wie ich ihn eher aus dem Schauspiel kenne. Und gleichzeitig bleibt es Musiktheater – mit der ganzen Wucht, die Orchester und Chor haben können.

Wenn ihr in Reichweite seid: kommt. Ich glaube, es lohnt sich.