Kurzbiografie

Mathis Nitschke ist Komponist, Sound Designer, Regisseur und Entwickler von Audiosystemen. Seine Arbeit bewegt sich zwischen Musiktheater, Audio Technology, räumlichem Klang, interaktiven Medien und intelligenten Systemen.

Nitschke versteht Komposition als Gestaltung von Beziehungen in Klang und Zeit – und zunehmend auch von Räumen, Perspektiven und Reaktionen. Seit den frühen Opern untersucht er, wie Mikrofonierung, elektroakustische Räume und technische Vermittlung musikalische Wahrnehmung verändern; später wurden Bewegung, Interaktion und lernende Systeme selbst zu kompositorischem Material.

Zu seinen eigenen Arbeiten gehören die Opern JETZT (2012) und HAPPY HAPPY (2014), die urbane Oper VIOLA (2015), die Soundwalk-Oper VERGEHEN (2016) sowie MAYA (2017), die weltweit erste Mixed-Reality-Oper. Mit Die Planeten (2022), entstanden mit den Münchner Philharmonikern, entwickelte er einen interaktiven 3D-Audio-Soundwalk, in dem sich das Publikum frei durch das räumlich aufgelöste Klangfeld eines Orchesters bewegt.

Als Komponist und Sound Designer arbeitet er zugleich in internationalen Theater-, Opern- und Filmproduktionen. Dazu gehören Doppelgänger (2023) von Claus Guth mit Jonas Kaufmann an der Park Avenue Armory, Don Giovanni (2025) mit Sir Simon Rattle beim Festival d’Aix-en-Provence und Kassandra (2026) in der Regie von Nadja Loschky am Theater Bielefeld. Für Michel Houellebecqs Film La Possibilité d’une Île (2008) komponierte und produzierte er einen großorchestralen Score; weitere Arbeiten entstanden für Dokumentarfilm und Hörspiel.

Parallel arbeitet Nitschke seit vielen Jahren an Spatial Audio, Automotive UX und intelligenten Audiosystemen. 2015 gründete er Sofilab. Seit 2021 entwickelt er CORPUS, eine europäische Infrastruktur für lizenzierte Musik-KI, wo er ein interdisziplinäres Team leitet und die Produkt- und Music-Intelligence-Strategie verantwortet.

Künstlerische Arbeit und technische Entwicklung versteht Nitschke nicht als getrennte Felder. Neue Technologien interessieren ihn dort, wo sie neue musikalische Erfahrungen, neue Formen von Liveness und neue Beziehungen zwischen Menschen, Klang und Raum ermöglichen.


Langbiografie

Mathis Nitschke ist Komponist, Sound Designer, Regisseur und Entwickler von Audiosystemen. Seine Arbeit bewegt sich zwischen Musik, Theater, Audio Technology, interaktiven Medien und intelligenten Systemen.

Nitschke versteht Komposition als Gestaltung von Beziehungen in Klang und Zeit – und zunehmend auch von Räumen, Perspektiven und Reaktionen. Seit den frühen Opern untersucht er, wie Mikrofonierung, elektroakustische Räume und technische Vermittlung musikalische Wahrnehmung verändern; später wurden Bewegung, Interaktion und lernende Systeme selbst zu kompositorischem Material.

Diese Entwicklung führt von der Bühne in den öffentlichen Raum, in interaktive Klangumgebungen, Fahrzeuge und intelligente Audiosysteme. Dabei bleibt die technische Frage stets an eine musikalische oder wahrnehmungsbezogene gebunden: Welche Parameter einer Erfahrung lassen sich gestalten, wie verändert sich Wahrnehmung durch technische Vermittlung – und wie können solche Zusammenhänge schließlich beschrieben, modelliert oder automatisiert werden?

Nitschkes Verhältnis zu Technologie begann lange vor seiner künstlerischen Laufbahn. Bereits als Jugendlicher entwickelte und baute er analoge Studiotechnik, darunter Mikrofonvorverstärker und Kompressoren, konzipierte Tonanlagen und arbeitete als Live- und Toningenieur. Sound Design, Audio Engineering, Tonmeisterpraxis und die Arbeit mit komplexen Audiosystemen hat er sich dabei weitgehend autodidaktisch erschlossen. Diese Form des selbständigen Lernens prägt seine Arbeit bis heute: neue technische Felder erschließt er sich problemorientiert, ausgehend von konkreten künstlerischen oder akustischen Fragestellungen.

Komposition und Musiktheater

Als Komponist und Musiktheatermacher beschäftigt ihn seit vielen Jahren die Frage, was Oper heute sein kann. Für JETZT (2012) entstand ein dreidimensionales Surround-System, mit dem sich die akustische Perspektive auf die menschliche Stimme radikal verändern ließ. In HAPPY HAPPY (2014) wurde das Mikrofon selbst zum kompositorischen Instrument. Elektroakustische Verstärkung, Sampling, Raum und mediale Übertragung erscheinen dabei nicht als nachträgliche Effekte, sondern als Teil der Komposition selbst.

Aus dieser Arbeit entwickelte sich eine kontinuierliche Suche nach neuen Formen von Oper und musikalischer Erfahrung. Den artifiziellen Charakter von Gesang versteht Nitschke dabei nicht als historisches Relikt, sondern als besondere Qualität: als Gegenentwurf zur naturalistischen Alltags- und Medienwahrnehmung und als Möglichkeit, verschiedene künstlerische Ebenen in einen sinnlichen Zusammenhang zu bringen.

Mit VIOLA (2015) verließ er das Opernhaus und machte den öffentlichen Raum selbst zur Bühne. Körperschallwandler versetzten die Glasscheiben einer Apotheke in Schwingung und machten sie zu einer klingenden Membran zwischen Innen- und Außenraum. Die Grenze zwischen Betrachtenden, Aufführung und Umgebung begann sich aufzulösen.

In VERGEHEN (2016) wurde schließlich die Bewegung des Publikums selbst zum Bestandteil der Komposition. Smartphone, GPS und binaurales 3D-Audio verbanden die reale Umgebung der Münchner Isar mit einer virtuellen Klangwelt. Musik wurde nicht mehr entlang einer vorgegebenen Zeitachse abgespielt, sondern über die Bewegung der Hörenden im Raum erfahrbar.

Diese Entwicklung führte zu MAYA (2017), der weltweit ersten Mixed-Reality-Oper. In den Ruinen des ehemaligen Heizkraftwerks Aubing bei München verband das Projekt Musik, Klang, Live-Performance, Augmented Reality und digitale Kunst zu einem virtuellen Kosmos parallel zur realen Welt. Das Smartphone war dabei das zentrale dramaturgische Instrument der Arbeit – eine Art „magisches Vergrößerungsglas“, durch das das Publikum eine digitale Ebene der realen Umgebung sichtbar machen und erkunden konnte. Nitschke verantwortete Konzeption, Produktion, Szenario, Musik und Regie.

Mit Lure (2020) setzte sich diese Forschung an der Schnittstelle von Musik, Theater und lernenden Systemen fort. Gemeinsam mit Interaktionskünstlern und Forschern aus dem Umfeld des Volkswagen Group Machine-Learning Research Lab entstanden mehrere Prototypen für die musikalische und theatrale Interaktion mit einer lernenden Computerfigur.

Raum, Bewegung und interaktive Musik

Die Frage nach Bewegung, Wahrnehmung und musikalischem Raum führte zunächst zu Inside MPhil – Frühling (2019) und schließlich zu Die Planeten (2022). Auf Grundlage einer Aufnahme von Gustav Holsts Orchestersuite mit den Münchner Philharmonikern entstand ein interaktiver 3D-Audio-Soundwalk für Smartphone und Kopfhörer. Die sieben Planeten werden im realen Park zu begehbaren musikalischen Orten. Die Hörenden bewegen sich frei im räumlich aufgelösten Klangfeld des Orchesters, navigieren einen imaginären Shuttle mit ihren eigenen Schritten und folgen Musik und Stimmen durch einen binauralen Raum.

Die Technik dient dabei nicht der Simulation eines Konzertsaals. Sie ermöglicht eine andere Form musikalischer Wahrnehmung: Das Publikum verändert durch die eigene Bewegung Perspektive, Nähe und musikalische Beziehungen. Der physische Raum wird Teil der Komposition. Nitschke verantwortete Dramaturgie, Sounddesign, Mischung und künstlerische Gesamtleitung.

Bühne, Film und kollaborative Arbeiten

Parallel arbeitet er kontinuierlich als Sound Designer und Komponist im Musiktheater und Schauspiel. Zu seinen Kooperationen gehören Arbeiten mit Claus Guth, Robert Icke, Simon Rattle, Jonas Kaufmann und Raphaël Pichon sowie Produktionen beim Festival d’Aix-en-Provence, an der Park Avenue Armory in New York und an führenden europäischen Opern- und Schauspielhäusern.

In Produktionen wie Doppelgänger (2023) von Claus Guth mit Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch oder Start Again The Lament (2024) der Künstlerin Taryn Simon verbindet sich musikalische Arbeit mit der Konzeption komplexer räumlicher und elektroakustischer Systeme. Nitschke bewegt sich dabei zwischen künstlerischer Leitung, Sound Design, musikalischer Dramaturgie und technischer Systemgestaltung und führt spezialisierte Teams aus Toningenieuren, Musikern und Entwicklern.

Zu den jüngeren Bühnenarbeiten gehören außerdem Don Giovanni (2025) in der Regie von Robert Icke mit Sir Simon Rattle beim Festival d’Aix-en-Provence und Kassandra (2026) in der Regie von Nadja Loschky am Theater Bielefeld. Für Michel Houellebecqs Film La Possibilité d’une Île (2008) komponierte und produzierte Nitschke einen großorchestralen Score. Daneben schrieb er Musik für Dokumentarfilme und Hörspiele.

Audio Technology und Product Development

Seit vielen Jahren arbeitet er außerdem im Bereich Automotive Audio und Sonic UX. In mehrjährigen Vorentwicklungsprojekten für Automobilhersteller entwickelt er adaptive und situationsabhängige auditive Mensch-Maschine-Kommunikation und untersucht ihre Wirkung in Prototypen und User Studies.

Für Hopium Machina Vision (2022) entwickelte er ein informationsgesteuertes Soundkonzept für die Benutzeroberfläche des Fahrzeugs sowie eine immersive Klanginstallation für die Präsentation auf der Mondial de l’Auto in Paris. Darüber hinaus arbeitet er wiederholt mit HARMAN an Automotive-Demonstratoren, Sonic UX und Premium-Audio-Anwendungen.

Ein frühes Beispiel für Nitschkes Arbeit zwischen Audio-Domainwissen und technischer Produktentwicklung ist Celemony Capstan. Ausgangspunkt war 2010 ein konkretes Restaurierungsproblem aus der Studioarbeit: Gleichlaufschwankungen in historischen Aufnahmen, die sich mit vorhandenen digitalen Werkzeugen nicht zuverlässig korrigieren ließen. Nitschke brachte die Problemstellung zu Celemony-Gründer Peter Neubäcker, war maßgeblich am User-Interface-Design beteiligt und arbeitete anschließend als Product Manager an Capstan (2011).

Sofilab, CORPUS und intelligente Systeme

2015 gründete Nitschke Sofilab, ein Studio und R&D-Labor für Audio, Interaktion und neue Technologien. Sofilab arbeitet an der Schnittstelle von Sound Design, Produktentwicklung, Spatial Audio, Automotive UX und intelligenten Systemen.

Eine Vorstellung zieht sich dabei seit vielen Jahren durch seine Arbeit: Musik, die nicht als unveränderliche Aufnahme vorliegt, sondern auf Menschen, Räume und Situationen reagiert. Aus Soundwalks, interaktiver Musik und räumlichen Systemen entwickelte sich zunehmend die Frage, welche technische Infrastruktur eine solche Musik in größerem Maßstab möglich machen könnte.

Aus dieser Entwicklung entstand CORPUS, dessen Konzept Nitschke seit 2021 entwickelt und das seit 2024 mit Unterstützung der Europäischen Union umgesetzt wird. CORPUS baut eine Infrastruktur für lizenzierte Musik-KI: hochwertige Musikdaten, Rechte- und Consent-Management, semantische Musikbeschreibung, technische Qualitätsprüfung und Music-Intelligence-Werkzeuge werden in einem gemeinsamen System zusammengeführt.

Als Gründer und Leiter verantwortet Nitschke die Produkt- und Music-Intelligence-Strategie und führt ein interdisziplinäres Team aus Softwareentwicklung, AI, Musik, Design und Forschung.

Eine zentrale Aufgabe seiner Arbeit besteht darin, musikalische und perzeptuelle Probleme zunächst überhaupt technisch greifbar zu machen. Bevor ein System etwas automatisieren kann, muss definiert werden, welche Eigenschaften relevant sind, wie sie beschrieben werden können und wie sich die Qualität eines Ergebnisses beurteilen lässt.

Aus dieser Perspektive entstanden bei CORPUS unter anderem semantische Musiksysteme, Audio-Integrity- und Verifikationspipelines, Verfahren zur Erkennung synthetisch erzeugter Musik sowie Werkzeuge für intelligente Musiksuche und adaptive Audiosysteme.

Agentische Entwicklung

Mit agentischen Softwarewerkzeugen hat sich diese Arbeitsweise 2026 noch einmal verändert. Sie ermöglichen Nitschke, Audio-Domainwissen und Systemkonzepte unmittelbar in funktionierende Software- und DSP-Prototypen zu übersetzen.

Ein Beispiel ist decomb (2026), ein experimentelles Echtzeit-DSP-System zur Bearbeitung von Kammfiltereffekten bei Mehrmikrofonaufnahmen. Das Projekt entstand aus einer klassischen tontechnischen Problemstellung und entwickelte sich über Prototyping, Messung und Hörtests zu einer komplexen Multi-Instance-Plugin-Architektur mit Echtzeitverarbeitung, DAW-Host-Integration und Performance-Optimierung.

Künstlerische Arbeit und technische Entwicklung versteht Nitschke nicht als getrennte Tätigkeiten. Neue Technologien interessieren ihn dort, wo sie aus einer künstlerischen oder wahrnehmungsbezogenen Notwendigkeit heraus entstehen und neue Erfahrungen ermöglichen. In beiden Feldern geht es ihm darum, Wahrnehmung zu organisieren, Beziehungen zu entwerfen und Situationen zu schaffen, in denen Klang Menschen, Räume und Technologien miteinander verbindet.


Ausbildung und Lehre

Nitschke studierte klassische Gitarre am Richard-Strauss-Konservatorium München, Bildende Kunst an der Akademie der Bildenden Künste München und Komposition am Königlichen Konservatorium Den Haag bei Gilius van Bergeijk, Richard Ayres und Clarence Barlow. Sein Kompositionsstudium schloss er dort ab.

Von 2005 bis 2007 absolvierte Nitschke an der European Graduate School den Master of Arts in Media and Communication. Prägend waren dort Seminare und Begegnungen mit Künstlern und Denkern wie Heiner Goebbels, Jean-Luc Nancy, Michel Houellebecq, DJ Spooky, Mike Figgis, Peter Greenaway und The Brothers Quay.

Neben seiner eigenen künstlerischen und technologischen Arbeit lehrte Nitschke an Hochschulen in Deutschland und Österreich, unter anderem in Berlin und St. Pölten.

Seine technischen und tonmeisterlichen Kompetenzen entwickelte Nitschke überwiegend autodidaktisch und in der praktischen Arbeit.