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Mathis Nitschke, der in Feldafing aufgewachsen ist, hat für die Oper in Montpellier zwei Werke geschrieben. Eines davon, „Jetzt“, ist nächste Woche als Film in Starnberg zu sehen

Von Gerhard Summer, Starnberg

Totwasser. Das muss sich so anfühlen, als wäre man in Honig geraten. Abgebremst und gefangen wie von Geisterhand. Kein Loskommen. Für Seeleute war das früher sicher der Horror: dass ihr Schiff plötzlich nur noch vor sich hindümpelte oder stoppte, obwohl sich auf dem Meer keine Welle kräuselte. Der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen hatte das Phänomen 1893beschrieben, damals war sein Schiff „Fram“ in eine dieser Zonen des Stillstands geraten.

„Totwasser“, singt eine Sopranistin. „Unter der unbewegten Oberfläche wirkt mit lähmender Kraft eine unsichtbare Welle.“ Ihre Stimme bricht sich scheinbar an den Wänden und zerbröselt im Echo, wird elektronisch verdoppelt. Dazwischen Orchestereinwürfe, Klappern, Quietschen. „Alle erdenklichen Seitensprünge. Kein Loskommen. Es hilft alles nichts.“ Was folgt, ist so schlicht wie eindrucksvoll und bestimmt eine Stunde lang den Grundbeat: Die Marimba fängt an, Achtelnoten zu spielen, ein leises Bam-Bam-Bam-Bam. Die Streicher kommen dazu, Bläser mischen sich ein, bis das ganze Orchester das klopfende Thema ins Forte und Fortissimo treibt. Dazu marschieren Männer und Frauen mit weißen Schürzen und Kopftüchern auf, sie sehen aus wie Klosterschwestern. Was für ein bizarrer Auftakt!

 

Mit diesem Prolog hebt eine von Chorgesang dominierte Oper an, die sich um merkwürdige Erscheinungen und um Fridtjof Nansen dreht, aber im Grund ein Stück ist über Energie, über das Kraftwerk Musik, auf dem der Gesang aufbaut. Sie heißt „Jetzt“, eine 2012 entstandene Auftragsarbeit für die Opéra National de Montpellier Languedoc-Roussillon, nominiert als „Aufführung des Jahres bei einer Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt. Regie führte Urs Schönebaum, einer der renommiertesten Lichtdesigner Europas und Weggefährte des Regisseurs Robert Wilson. Das Libretto schrieb Jonas Lüscher, der bald darauf mit seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ reüssierte. Und der Komponist ist Mathis Nitschke, ein in München lebender Konzeptkünstler und Soundtüftler an der Schnittstelle zwischen zeitgenössischer Musik und Klangdesign, der seine Jugend in Feldafing verbrachte und aufs Tutzinger Gymnasium ging. Nitschke brach erst mal alles ab, was man so abbrechen kann: die Schule, mehrere Studien. Der junge Mann kreuzte gleichsam immer wieder Totwasser. Ein Phänomen, das sonst nur auftritt, wenn Gletscher an Küsten schmelzen oder ein Fluss ins Meer mündet. Dann nämlich kann sich eine Schicht leichteres Süßwasser über das schwerere Salzwasser legen. Und eine an der Oberfläche unsichtbare Welle bremst Schiffe ab.

Nitschke jedenfalls kam immer wieder zu der Einsicht, dass das doch nicht „lebensfüllend“ für ihn ist – die klassische Gitarre, die Kunst. Sogar das Kompositionsstudium in Den Haag warf er hin. Er beschloss, in die Werbung zu gehen, und arbeitete für Media-Markt und McDonald’s. Bis er dann doch wieder nach Holland zurückkehrte und seinen Abschluss machte.

Die Arbeiten des 42-Jährigen sind extrem vielseitig, das alles hat wenig mit dem althergekommenen Bild des Komponisten zu tun, der tagein, tagaus über Partituren brütet und schon verzweifelt, wenn er ein Interface am Computer anstecken soll. Nitschke ist eher der Technikfreak. Ein „Infojunkie“ außerdem, der eine Vorliebe für den wieder fast verschwundenen Surround-Sound hat und eine alte Schwäche für Astor Piazzolla. Er kennt sich mit Mastering, also dem Veredeln von Aufnahmen, und der Filmpostproduktion so gut aus, weil er jahrelang als Tonmeister und Sounddesigner gearbeitet hat. Er ist nach wie vor Produktmanager für „Capstan“, eine Software der Firma Celemony, die Gleichlaufschwankungen alter Archivaufnahmen ausgleicht. Er setzte für 500Manager des Unternehmens Linde 2012 ein Konzert im Shanghai Cruise Terminal samt Lichtinstallation in Szene. Und er schrieb Film- und Theatermusik für den Schriftsteller Michel Houellebecq und den Regisseur Luk Perceval.

Der junge Familienvater komponierte außerdem ein zweites Werk für Montpellier, den Songzyklus „Happy Happy“, und die Kurz-Oper „Viola“, die wiederum an einer Trennlinie spielt, der von Innen- und Außenwelt: Das Publikum sitzt in einer Apotheke und schaut auf den Pasinger Bahnhofsplatz, wo die Hauptfigur Viola auftritt. Für das Projekt „Vergehen“, das vormals den Arbeitstitel „Kabelsteg“ trug, bekam er ein Stipendium der Landeshauptstadt München. Man kann sich das Vorhaben am ehesten wie einen Spaziergang zwischen realer und virtueller Welt vorstellen: Eine opernhafte Wanderung an der Isar mit Smartphone, wobei eine App Musik nur dann abspielt, wenn ein bestimmter Ort erreicht ist. Ortsspezifische Klänge also. Wo man so eine App herbekommt? Der junge Klangtüftler mit fast schwarzem Haar und Grübchen im Kinn hat sie selber programmiert. Er startete mit der Webseiten-Technik Java-Skript, landete dann aber bei der Spiele-Engine Unity 3d.

Der Aufwand ist groß, wie bei fast allen Dingen, die Nitschke anpackt. Man könnte sagen: Er steckt viel Energie rein, um Projekte zum Laufen zu bringen, arbeitet wie ein Teilchenbeschleuniger. Und je mehr er sich mit Computer-Spielen wie „Gone Home“ auseinandersetzt, „desto mehr interessiert mich die digitale Welt“. Vor allem die „Erzählweise, die Raum herstellt, denn das hat mit der Installation in der bildenden Kunst zu tun“.

Nitschke war in der fünften Klasse, als er mit seinen Eltern von München nach Feldafing umzog. Er kam aufs Tutzinger Gymnasium. Für ihn ein „Kulturschock“: Auf seiner vorherigen Schule, dem Maria-Theresia-Gymnasium, waren die Projekttage erfunden worden, die Arbeit einer neunten Klasse hatte ihn Anfang der Achtzigerjahre fasziniert und geprägt: eine Installation mit 30 Fernsehern, die nacheinander angingen, bis nur noch weißes Rauschen über die Mattscheiben flimmerte. Immerhin, in der fünften Klasse im vergleichsweise altväterlichen Tutzing lernte er Urs Schönebaum kennen, der später, als er in Montpellier eine Oper inszenieren sollte, ein zeitgenössisches Werk auf die Bühne bringen wollte und sich Mathis Nitschke als Komponisten wünschte. Die Freunde hatten schon als Jugendliche zusammen Theater gemacht. Mit der Gruppe „Tragaudion“ brachten sie 1996 Tankred Dorsts „Merlin oder Das wüste Land“ in der alten Turnhalle Feldafing raus. Nitschke war auch damals für die Musik zuständig. Er wollte zu der Zeit unbedingt Tontechniker werden, noch heute sitzt er oft selbst am Mischpult.

„Jetzt“ ist eine eklektische Oper, vermengt also die verschiedensten Stile – von der Anlehnung an eine berühmte Arie aus Bellinis „La Somnambula“ bis hin zum versteckten Radiohead-Motiv. Er sei als Komponist nämlich „gar nicht an der eigenen Signatur interessiert“, sagt Mathis Nitschke. „Ich erfinde sehr wenig, ich bin mehr der DJ.“

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