Das Publikum hört Ihnen nicht zu? Lernen Sie Denkweisen und Strategien kennen, die zu einer Eventkonzeption führen, bei der Ihr Publikum gerne zuhört. Über eine Diskussion des Phänomens Zuhörens an sich näherte ich mich in meinem Vortrag den Themen ‚Klang als Identität‘ und ‚musikalische Dramaturgie‘ an, bevor ich ihn mit Überlegungen dazu beschloß, wie man den Hörsinn als gleichberechtigten Partner in eine ganzheitliche Inszenierung miteinbezieht. Über das Zuhören erreichen Sie Ihr Publikum tiefer und die Inhalte wirken lange nach. (Vortrag Eventplaza, Prolight&Sound Frankfurt, 7.4.16)

Wer lieber liest als Video guckt, hier das Skript.

 

Guten Tag, mein Name ist Mathis Nitschke. Ich bin nicht nur ein Partituren schreibender Komponist, sondern auch ein im Studio bastelnder Sounddesigner. Meine Hauptarbeit ist heutzutage das Konzipieren von künstlerischen Erlebnissen, die über die Einzeldisziplin hinausgehen. Zum Beispiel bin ich sehr daran interessiert, Erlebnisse der Hochkultur, wie z.B. die der Oper, mit der profanen Realität der Straße, des öffentlichen Raums zu konfrontieren. Hier schaut das Publikum durch die Schaufensterscheibe einer Apotheke auf den Pasinger Bahnhofplatz, auf dem dann meine Sängerin auftaucht. Die künstlerische Frage dabei ist für mich die, wie sich die sogenannte Realität durch das Zuhören verändern lässt. Ist es möglich, einen öffentlichen Raum über Klänge und Musiken in einen künstlerischen Raum zu verwandeln?

Martina Koppelstetter als VIOLA

Der Vorgang des Zuhörens ist also ein eminent wichtiger Faktor für mich. Aber ich behaupte: nicht nur für mich.

Es gab in meiner frühen Laufbahn als Tontechniker für Events ein mir ziemlich eindrückliches Erlebnis. Das war in den 90er Jahren und die Sängerin Nicole wollte mithilfe ihres Mentors Ralph Siegel wieder mal in die Öffentlichkeit. Oder vielleicht war es auch eher umgekehrt. Wie dem auch sei, es kam also zur offiziellen CD-Vorstellung, zu der Journalisten und viele berühmte oder auch etwas weniger berühmte Kollegen aus der Schlagerwelt eingeladen waren. Nach kurzer Ansprache wurde ein Film gezeigt, ein Making-of der Produktion.

Innerhalb von nur wenigen Minuten hat keiner mehr dem Film Beachtung geschenkt, sondern sich in immer weiter ansteigender Lautstärke mit seinen Nachbarn unterhalten. Das war ein wahrlich beeindruckender Lärmpegel, der sich da entwickelte. Bis irgendwann Ralph Siegel in der ersten Reihe mit hochrotem Kopf aufsprang und ein „Jetzt hört doch mal zu!“ nach hinten brüllte. Nachdem ja doch alle Anwesenden ein wenig Respekt vor ihm hatten, verstummte das Geschnatter weitgehend. Aber nur erzwungenermaßen. Die Leute waren ruhig, zugehört hat aber niemand.

Wie kommt es zu solchen Mißverständnissen?

Für aufmerksames Zuhören braucht es ein paar wesentliche Vorraussetzungen:

  • Relevanz und im Gegenzug Interesse. Hier liegt das Hauptproblem dieses Beispiels. Die anwesenden Menschen haben sich einfach nicht die Bohne für Nicole interessiert, vor allem nicht die konkurrierenden Kollegen. Siegel hätte wohl besser daran getan, Fans einzuladen und Nicole singen zu lassen als Kollegen einzuladen und einen langweiligen Film zu zeigen. Klare Sache also: der zu vermittelnde Inhalt muß für alle Beteiligten relevant sein. Sonst braucht man gar nicht weiter machen. Vermutlich liegt hier das Problem der meisten Events begraben.
  • Absprache und Bereitschaft. Hier reden wir von einer fundamentalen Kulturleistung unserer westlichen Gesellschaft, die in anderen Kulturen weniger bis gar nicht existent ist. Wir haben irgendwann angefangen, uns darauf zu verständigen, daß einer spricht oder einer etwas vorführt oder vorspielt und wir anderen hören aufmerksam zu. Dazu bedarf es bestimmter Absprachen und Zeichen. Wenn im Theater oder Kino das Licht ausgeht, verstummen wir. Wenn das Licht nicht regelbar ist, nehmen wir ein Glas und bringen es mit einem Messer zum Klingen. Dem liegt eine kulturelle Absprache zugrunde und wir reagieren verschnupft, wenn sorglos damit umgegangen wird. Heißt: wenn um Ruhe gebeten wir, dann muß auch was kommen (natürlich etwas relevantes). Und wenn diese Zeichen nicht eindeutig gegeben werden, die Aufforderung zur Aufmerksamkeit nicht klar kommuniziert wird, dann reagieren wir erstaunlich kindisch mit Ablehnung und Desinteresse. Mit diesen Zeichen kann man natürlich auch höchst kreativ umgehen, solange es als Einladung und Aufforderung zur Aufmerksamkeit eindeutig verstanden wird.
  • Die Fähigkeit, zuzuhören. Das ist der Part, den der Zuhörer selbst mitbringen muß. Diese Fähigkeit erwirbt man als Kind oder auch – durchaus schwieriger – später noch als Erwachsener. Zuhören bedeutet hier nicht nur Klappe halten und Schallwellen empfangen, sondern das Gehörte aktiv zu interpretieren und zwischen dem Gesagten auch das Ungesagte wahrzunehmen. Als Gesellschaft verlieren wir leider zunehmend diese Fähigkeit. Aber das ist ein anderes Thema.
  • Präsenz im hier und jetzt. Nur wenn wir die Sorgen des Alltags, den Stress mit dem Kollegen am Nachmittag oder die Sorge um die Kinder während der Geschäftsreise für den Moment vergessen können und uns voll und ganz auf das Dargebotene hier in diesem Raum und jetzt in dieser Gegenwart einlassen können, nur dann können wir voll und ganz zuhören. Das können Events besonders gut: durch besondere Räume, Athmosphären oder Situationen können sie den notwendigen Anstoß dazu geben, sich von diesen ablenkenden Sorgen zu befreien.

Zuhören ist also ein aktiver Prozess, eine aufnahmebereite Zuwendung zum Gegenüber. Und das in beide Richtungen: wer gut zuhören kann, dem wird auch gut zugehört. Zuhören ist ein höchst komplexer kognitiver Wahrnehmungsvorgang, der weit über das reine Hören hinausgeht.

Begegnen Sie den Ohren Ihres Publikums mit Respekt und Ernsthaftigkeit! Wessen Ohr wir ernst nehmen, der wird auch uns ernst nehmen.

Das Ohr ist unser erster Sinn, der sich im Mutterleib ausbildet. Bereits in der 28. Schwangerschaftswoche beginnt der Fötus, Geräusche seiner Umwelt zu hören. Wir werden hörend geboren, sehen können wir wenig. Wir purzeln in die Welt und hören uns darin zurecht. Unser Ohr analysiert unsere Umwelt, kann Raumgrößen messen und, vor allem, vor Gefahren warnen. Sehen können wir nur nach vorne, hören jedoch rundherum. Deswegen haben wir eine besondere Sensibilität für, zum Beispiel, solche Geräusche entwickelt:

Wenn Sie jetzt im Wald wären, wären Sie sofort in Alarmbereitschaft und würden sich zur Quelle des Geräuschs hindrehen und nachschauen. Wer oder was ist das? Feind oder Freund?

Andersherum entspannen wir uns bei solcherart Geräuschen:

Der Gesang der Vögel erzählt uns, daß die Welt in Ordnung ist. Ein Problem besteht erst dann, wenn die Vögel aufhören zu singen, das ist dann aber ein Alarmsignal allerhöchster Stufe. Aber so reagieren wir auf den Gesang der Vögel eben mit großer Entspannung.

Ein weiteres Beispiel:

Ja, da kommen wir alle her: aus dem Meer. Nicht umsonst verwendet das Französische für das Meer und die Mutter das gleiche Wort: „la mère“. Und so gibt es kaum ein vertrauteres und wohligeres Geräusch als sanftes Wellenrauschen.

Aber was passiert, wenn das Meer zornig wird?

Über den Klang erfahren wir, ob das Wasser kalt und hart ist oder weich und schmeichelnd, und schließen auf den Gemütszustand des Meeres.

Genau so werden wir auch durch den Klang der Sprechstimme über den Gemütszustand des Redners oder der Rednerin und seinen tieferen Absichten informiert. Ist der, der da zu mir spricht, mit sich im Reinen?  Glaubt sie, die da auf dem Podium von der Zukunft spricht, wirklich an das, worüber sie redet und, vor allem, was sie von uns erwartet? Führt sie vielleicht sogar böses im Schilde? Schlußendlich: Können wir diesem Menschen vertrauen?

Hören Sie jetzt eine Stimme, die Kraft ihrer Entspanntheit, ihres völlig freien Atems, ihrer unglaublich offenen Resonanzräume einst die ganze Welt verzaubert hat.

Ich mag sehr die ethymologische Ableitung des Wortes Person aus dem lateinischen per-sonare. Der Begriff Person beschreibt also das Durchtönen, ursprünglich durch die Mundöffnung der griechischen Theatermaske. Wir erfahren das Wesen unseres Gegenübers durch die Grundtönigkeit der Stimme (ist sie geerdet im ganzen Körper oder verkopft quäkend vom Körper abgeschnitten?), durch den Atem (ist er ängstlich flach oder zuversichtlich tief?) und füllt sie ihr ganzes Resonanzpotential aus (ein Indikator für Selbstvertrauen und Sicherheit)?

Das vermeintlich authentische kann schnell unbeabsichtigte und schädliche Nebenwirkungen auslösen. Wenn wir von großartigen Inszenierungen berührt und verführt werden und dann die Stimme des Vorstandschefs uns sensiblen Menschen, die wir alle sind, unbewußt verrät, daß das alles nur Maskerade ist, dann verkehrt sich die erhoffte Wirkung mitunter drastisch ins Gegenteil. Da kann schnell mehr Schaden entstehen als positive Veränderung.

Nicht nur Menschen haben Persönlichkeiten, auch Marken. Mithilfe von Soundlogos, Jingles und eigens komponierten Musiken kann deren Wesen sehr präzise geschärft und kommuniziert werden. Es ist gar nicht nötig, Ihnen das Telekom Logo vorspielen.

Alleine schon die Erwähnung dessen löst in Ihnen das bekannte dadadadidam aus und sie verbinden diese fünf Töne mit der überall vorhandenen Kommunikationstechnik der Telekom.

Ein mächtiges Mittel, fürwahr. Ein anderes mächtiges Mittel ist aber auch – und dafür werden mich jetzt vielleicht ein paar Kollegen hassen – die Stille.

Denken Sie an Apple: Die Abwesenheit sämtlicher Markenklänge verleiht der Marke etwas der Realität enthobenes, etwas überirdisches, etwas distinguiertes, majestätisches und auch etwas edles. Nicht umsonst haben teure Hotels und wirklich hochkarätige Banken dicke Teppiche, die für Ruhe sorgen. Ruhe ist etwas sehr sehr wertvolles geworden. Lärm ist überall, den bekommen wir billig. Die Stille ist teuer.

Sie haben Ihr Publikum bereits im Saal. Es läuft Ihnen nicht so schnell weg. Gönnen Sie ihnen zwischendurch ruhig mal ein wenig Stille.

Der emotional wirkungsvollste Klang ist – Sie haben es sicherlich schon vermutet – der der Musik. Kaum etwas kann uns so universell bewegen und berühren wie die Musik.

Deswegen reagieren wir auch so empfindlich darauf, wenn Musik unpassend eingesetzt wird. Wenn sie nicht das emotional auslöst, was in dieser bestimmten Situation uns passend erscheint, dann löst das ein Gefühl der kognitiven Dissonanz aus. Statt Harmonie gibt es Widerspruch. Schauen Sie sich mal diese beiden Filme an:

Wie unterscheiden sich nun diese Filme? Die Bilder sind exakt dieselben. Selber Schnitt, selbes Tempo, und doch nehmen wir das Zeitgefühl völlig anders wahr. Auch sehen wir andere Bilder. Mit der schnellen Musik sehen wir vor allem die schnellen Bilder und mit der langsamen Musik eher die langsamen Bilder.

Wir versuchen also, ein Match, eine Harmonie, eine kognitive Konsonanz herzustellen zwischen dem, was wir sehen und dem, was wir hören.

Ist deswegen die eine Musik richtig und die andere falsch? Nicht zwangsläufig, auch wenn die gängige Standardentscheidung sicherlich bei der zweiten, rockigen Version liegen wird. Aber schlussendlich kommt das immer auf den Kontext an und darauf, was genau Sie erzählen wollen.

Im Übrigen ist die kognitive Dissonanz ein höchst aufregendes Ausdrucksmittel. Wissen Sie, die Musikgeschichte ist nicht die Geschichte der Konsonanz. Die Konsonanz, also der Gleichklang, blieb über all die Jahrhunderte im Großen und Ganzen die gleiche. Die Komponisten suchen aber nicht das Harmonische, sondern das Aufregende, das Erregte, das sich dann wieder in der Konsonanz beruhigen kann. Und Aufreger nutzen sich halt einfach mit der Zeit ab. Die Musikgeschichte ist also eine Geschichte der Dissonanz. Zunächst wurde mit schrägen und sich reibenden Intervallen experimentiert, dann aber seit dem letzten Jahrhundert, nachdem sich das Aufregerpotential der Intervalle aufgebraucht hatte, wird die Klangfarbe einer der wichtigsten Generatoren für Dissonanz: Geräusche, Maschinen, Schlagzeug und Percussion, das ist der Sound des letzten Jahrhunderts. Auch die Verzerrung der E-Gitarre war zunächst mal eine dissonante Erfahrung im Sinne der Obertonstruktur. Aber auch daran haben wir uns inzwischen voll gewöhnt und empfinden sie heute als vergleichsweise konsonant.

Ich behaupte, unsere heutige Zeit hat als eines der aufregendsten Ausdruckmittel die kognitive Dissonanz zu bieten. Also die kontrolliert gestaltete Wahrnehmungsschere nicht nur zwischen den auditiven und visuellen Sinnen, sondern auch zwischen den anderen Sinnen wie das Riechen, Schmecken und Tasten. Wie in allen großen Kompositionen kommt es hier auf das Verhältnis und die Dramaturgie zwischen Konsonanz und Dissonanz an. Zu viel Konsonanz und wir sind gelangweilt. Zu viel Dissonanz und wir sind genervt.

Musik und Klang wird durch Abwechslung und Kontraste überhaupt erst stark. Und die Musik spielt gerne mit Ihnen: sie baut Erwartungen auf, die mal vorhersehbar erfüllt, dann wiederum spannungsvoll hinausgezögert oder überraschend anders gar nicht erfüllt sondern in ganz andere, zuvor ungeahnte Welten überführt werden. Je nach Bedarf.

Was nicht funktioniert, ist ein ständiges Abfeuern von Höhepunkten, wie man es zuweilen auf Events erleben kann. Das ermüdet und stumpft das Ohr nur ab. Wenn Sie lauten Eindruck machen wollen, dann lassen Sie es vorher leise werden. Wenn Sie jubilieren wollen, dann lassen Sie es vorher traurig werden. Es sind die Kontraste, die die Emotion stark machen.

Ich wünsche mir, daß bei Events mit der gleichen Sorgfalt und Differenziertheit mit Klang umgegangen wird, wie ich es aus Kino und Theater kenne. Mein Ziel ist es, daß die klangliche Dimension so stark und großartig wird, daß sie die visuelle Dimension beeinflusst. Genau so, wie die visuelle Dimension schon die klangliche beeinflusst. Als ebenbürtige Partner in einer kreativen Beziehung.

Der Vorschlag, den ich Ihnen hier machen möchte, ist nicht, den besten Technikdienstleister der Welt zu engagieren mit dem talentiersteten Sounddesigner der Welt, der die großartigsten Sounds der Welt produziert. Nein, ich möchte Ihnen vorschlagen, den Event bereits in der Konzeptionsphase vom Klang her zu denken, Sound und Musik schon ganz zu Anfang in die Konzeption miteinzubringen statt sie am Schluß notdürftig dranzuklatschen.

Braucht das jeder Event? Natürlich nicht. Aber viele Events könnten von so einer Herangehensweise stark profitieren. Um herauszufinden, wie das gehen könnte, schauen wir doch noch einmal in die Filmwelt, in Francis Ford Coppolas großartiges Antikriegsdrama „Apocalypse Now“:

Der Regisseur erlaubt seinen Protagonisten zuzuhören. Wir hören Richard Wagners Ritt der Walküren durch die Wahrnehmung der Figuren hindurch. Tasächlich sind die meisten großartigen Tonsequenzen in Filmen sogenannte ‚Point of View‘ Szenen: die Kameraeinstellung zusammen mit der  Inszenierung der Schauspieler (mit ihren Dialogen, ihren Bewegungen, dem Szenenbild, dem Licht etc.) wurde so eingerichtet, daß wir als Zuschauer den Eindruck haben, das Geschehen aus der Sicht eines oder mehrerer der Protagonisten wahrzunehmen. Wir wechseln also aus der Sicht des Betrachters in die Sicht des Akteurs. Was wir sehen und hören durchläuft den Wahrnehmungsfilter der Figur. Und mit der Steuerung dieser Filter können wir sehr viel über den Zustand und die Verfassung dieser Figur erzählen, ohne es erklären zu müssen. Weil wir es erleben. Und ein Erlebnis zu produzieren, das ist ja unser aller Wunsch.

Ganz wichtig dabei: eine Subjektive läßt sich nicht nachträglich herstellen. Sie muß vom Anfang her gedacht und konzipiert werden, im Film muß das vom Drehbuchautor kommen, bei Events vom Konzeptioner.

Sehen wir noch eine weitere Ikone der Filmgeschichte:

Wie Sie sehen: man muß nicht alles sehen, was wichtig ist. Manchmal ist es stärker, wenn man es nur hört. Und wenn man es dann schließlich zu sehen bekommt, ist das Erlebnis umso eindrücklicher. Denn das Auge wurde zuvor hungrig gemacht: Was ist da? Wer versteckt sich dort? Ich will das sehen!

Ich bin sicher, daß Sie diesen Filmausschnitt auch schon mehrmals in ähnlichen Vortragssituationen gesehen bzw. gehört haben. Und meistens wird dann davon erzählt, wie großartig und genial der Komponist Ennio Morricone war. Aber das ist hier gar nicht relevant. Das großartige und geniale in der Musik kommt vor allem durch die Inszenierung der Musik durch den Regisseur Sergio Leone zustande. Ihm gebührt das Lob. Wir Komponisten und Sounddesigner hängen von Ihnen ab. So wie Sie die Musik in Ihr Gesamtkonzept hineindenken, so wird sie ihre Kraft entfalten können.

Wenn ich gerade vom Point of View gesprochen habe, dann ist das zunächst mal eine Terminologie aus der Filmwelt, eine Kameraeinstellung, im Deutschen auch Subjektive genannt. Wie kann man aber in einem theatralen Kontext, in einer Bühnensituation, eine Subjektive herstellen?

Indem wir beispielsweise eine Figur erschaffen, mit der wir uns identifizieren können. Wenn diese Figur dann mal verstummt und das Zuhören anfängt, dann fangen wir an, durch diese Figur hindurch dem zuzuhören, was sie hört. Praktisch könnte sich zum Beispiel der Auftritt eines neuen Autos in einer Art Hörspiel ankündigen:

Die Figur oder der Moderator will gerade den Auftritt ankündigen, aber kurz vor dem Abschluß wird er abgelenkt von einem Geräusch. Er lauscht dem Geräusch nach, das Licht wird dunkler und fokussiert sich auf diesen Menschen, wie er konzentriert zuhört. Wir sehen nur noch ihn.

Eine hintergründig spannende Musik erklingt, die unaufdringlich Erwartungen weckt.

Wir hören Geräusche des Autos, die Türen, aber auch den Fahrer, wie er vor Aufregung schneller atmet. Die Tür geht noch einmal, eine weitere Person steigt ein. Wir werden Zeugen eines Gesprächs darüber, wie das Innendesign beschaffen ist, wie sich das Auto anfühlt.

Dann hören wir den Schlüssel im Zündschloss, wie er gedreht wird, der Motor springt an. Mit dem Motorengeräusch ändert sich die Spannungsmusik in eine energetisch-freudige Musik, es wird laut. Das Licht wird wieder hell, der Vorhang geht auf und das Auto mit den beiden Insassen fährt herein. Die Dunkelpause zuvor hat dazu geführt, daß alle folgenden visuellen Effekte und Projektionen eine ungleich stärkere Wirkung entfalten können, als wenn sie konstant durchgelaufen wären. Wieder: es ist die Abwechslung, der Kontrast, der zu starken Eindrücken führt.

Und der Effekt für den Event und Ihren Kunden? Die vielen notwendigen Infos über das neue Auto wurden spielerisch und ästhetisch in ein Hörspiel verpackt, ohne in einem sachlichen Infoteil runtergeleiert werden zu müssen. Die erhöhte Aufmerksamkeit durchs Zuhören läßt diese Informationen dann tiefer sacken und sie bleiben dadurch länger hängen. Der Auftritt wurde emotionaler und größer. Und vermutlich ist das sogar die billigere Lösung als alle alternativen Ideen, die Sie dazu haben.

Haben Sie Mut zur Lücke. Keines der Elemente eines Events muß Ihre komplette Story zu 100% transportieren. Weder die Texte, noch die Visuals, auch nicht die Musik und schon gar nicht das Catering. Jedes sensorische Element kann bestimmte Dinge besonders gut und andere nicht so gut transportieren. Im Vorfeld sich genau darüber klar zu werden, was man man mit welchem Medium effektiv erzählen kann und dann auch den Mut zu haben, diese Informationen aus den anderen Medien herauszuhalten, das ist der Trick für ein reiches multi-sensorisches Erlebnis.

Klang ist eine Herzensangelegenheit. Wir interpretieren ihn mit unseren Gefühlen, nicht mit unserem Verstand. Deswegen müssen wir so sorgsam mit ihm umgehen. Sonst sind wir ver-stimmt, wie eine Gitarre mit uralten Saiten. Wenn sich das emotionale Erleben von Musik und Klang nicht deckt mit dem, was wir erleben wollen oder erleben sollen, dann fangen wir an, dem Geschehen zu mißtrauen. Wir verspannen uns und ziehen uns innerlich zurück. Wir hören nicht mehr zu. Letztenendes entsteht daraus Unbeteiligtheit und Langweile. Der Todfeind eines jeden Events. Vermeiden Sie ihn.

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