Elsa Büsing ist Theaterwissenschaftlerin und Dramaturgin und hat bei „Isolde“ die Vermittlungsarbeit an der Tür übernommen. Ich empfinde große Demut vor ihrer Gelassenheit und Informationsbereitschaft, mit der sie den Strom der auf sie einprasselnden Fragen und Mitteilungsbedürfnisse entgegengenommen und beantwortet hat. Aus dieser Schnittstellenposition heraus schreibt sie hier, auf meine Einladung hin, über „Isolde„.

Elsa Büsing mit gestreiftem Pullover hinter der Tür

 

Lebenskunst

Gedanken zu Mathis Nitschkes ISOLDE, von Elsa Büsing

Menschen eilen durch die Münchner Fußgängerzone. Haben Geschäftstermine, volle Einkaufstüten, rasen auf E-Scootern vorbei. Ein Straßenmusiker steht vor einem Geschäft, spielt J.S. Bach. Zwischen den Menschen bewegt sich eine Obdachlose, breitet ihre wenigen Habseligkeiten aus, schafft sich – unbeachtet von der vorbeigehenden Menge –  ihren kleinen Privatraum. Alltag in der Münchner Innenstadt.

Menschen sitzen hinter einer Glaswand. In mehreren Reihen gestaffelt starren sie hinaus auf die Münchner Fußgängerzone, beobachten das Treiben, das sich vor ihnen abspielt. KUNSTHALLE steht in großen Buchstaben über dem gläsernen Raum. Vorbeieilende bleiben stehen – irritiert von diesem nichtalltäglichen Anblick – winken, erschrecken, schütteln den Kopf, lachen, gehen schnell weiter.

Innen und Außen, zwei Perspektiven – zwei Welten gleichsam zwischen Kunst und echtem Leben. Innen eine Publikumstribüne, man sitzt geschützt hinter dicken Glasscheiben und beobachtet, theatral gerahmt und klanglich gestaltet, Szenen im realen Alltag. Echte und künstlich zugespielte Alltagssounds, reale Passant*innen und Kunstfiguren durchdringen sich. Außen erkennt man erst nach und nach den Bratsche spielenden Straßenmusiker und die Obdachlose (Isolde) als Teil der Performance. Die beiden Künstler*innen fügen sich so eng in das Straßenbild, dass sie den Vorbeigehenden kaum auffallen. Stutzig werden lässt letztere vor allem der ungewohnte Anblick, der sich ihnen in der Eingangshalle der Kunsthalle bietet. Menschen, die konzentriert die Welt beobachten scheinen mehr Irritation hervorzurufen als ein Straßenmusiker und eine Obdachlose, zwei Menschen mit prekären Lebensbedingungen, beide im Versuch ihren Platz in der Welt zu finden, zu behaupten, ihn zu kreieren, oder einfach zu überleben. Sie sind mit ihrem Tun den Blicken des seinerseits wie in einer Vitrine ausgestellten Publikums schonungslos ausgeliefert – und auf der Straße führt dies irgendwann doch dazu, dass hin und wieder Menschen stehen bleiben und die Situation zu reflektieren beginnen.

Drinnen wie draußen geht es um unser Leben, um unsere Haltung zur Welt. Nicht nur zeigen uns hier der Straßenmusiker und die Obdachlose, zwei in der Hektik des Alltags oft übersehene Menschen, dass es durch die Kunst Dimensionen und Wege des Lebens gibt über den täglichen Kampf um Anerkennung, Erfolg und Geld hinaus, es wird uns gleichzeitig auch vor Augen geführt, dass wir die Kehrseite des Wohlstandes, Armut, Einsamkeit, soziale Ungleichheit, gerade in München, allzu oft nicht sehen (wollen), uns mit Panzerglas umgeben „um nicht kaputt zu gehen“, wie eine Passantin bemerkte. Romantisierung und Sezierung unserer Wirklichkeit.

Das künstlerische Spiel mit unserer alltäglichen Realität gewinnt eine ganz besondere Unmittelbarkeit durch die sehr freie Anlage des Stückes. Weder musikalisch in „Volte-Face“ für Bratsche solo von Georges Aperghis (ein für einen Straßenmusiker eher ungewöhnliches Stück), im Libretto von Thomas Jonigk, noch in der Figurenkonzeption Isoldes finden sich Sicherheit und Halt gebende Strukturen. Isolde gibt unzusammenhängende Satzfetzen von sich, meist zu sich, selten zu anderen, nur für einen kurzen Moment interagieren der Bratschist und Isolde. Dieser Freiraum aber schafft viele Möglichkeiten für zufällige Begegnungen, Interaktionen, überraschende und unplanbare Momente zwischen Kunst und Leben – es ist Chance und Risiko zugleich. Jede Vorstellung ist anders, jedes Publikum – drinnen wie draußen – reagiert verschieden.

Martina Koppelstetter und Klaus-Peter Werani müssen sich immer wieder neu ihre Spiel-Räume schaffen in einer direkten Umgebung, die sie anfangs meist mehr ignoriert als ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Doch langsam transformiert sich, transformieren sie die Situation, schleichend durchdringt das Artifizielle immer mehr das Reale. Straßenmusiker und Obdachlose gehen von einer gewöhnlichen Beiläufigkeit in eine formale Haltung über, werden immer deutlicher zu Kunstfiguren, versinken immer mehr in ihren Kunsträumen inmitten des Alltags, Sprache wird zu Gesang – bis schließlich die wogend-orchestralen Klänge von Isoldes Liebestod drinnen wie draußen die Räume durchfluten, Gesang und Bratschentöne, Innen und Außen in ihnen verschmelzen. Und darauf wieder verschwinden.

Ein Moment Lebenskunst.

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