Bei meinen Opern JETZT und HAPPY HAPPY habe ich mich selbst als Klangregisseur in die Oper hineinkomponiert, ein paar grundsätzlichen Gedanken zum Thema Klassischer Gesang folgend: Diese Technik stammt aus einer Zeit, in der große Distanzen akustisch gar nicht anders zu überbrücken waren. Wir sind aber heute umgeben vom Klang nah mikrofonierter Stimmen. Es wird leise gesungen und intim, das Mikrofon fischt jedes kleinste Detail. Wir haben uns verständlicherweise in diese durchaus auch erotische Nähe zum Sänger verliebt. Wenn man eine Oper komponiert, muss man dazu eine Haltung finden, denn aus dieser nahmikrofonierten Perspektive wirkt der Operngesang erstmal befremdlich.

Für mich ist es interessant, mit wechselnden akustischen Perspektiven zu arbeiten, und auch mit einer gewissen Unschärfe. Effekte erlauben Verfremdungen und Distanzierungen, die die Sensation des klassischen akustischen Gesangs klarer und pointierter hervortreten lassen. Deswegen war es von Anfang an für mich klar, dass ich mit elektroakustischer Verstärkung und Live-Elektronik arbeiten werde.

Ein Zuschauerraum wie aus einem Science Fiction
JETZT Mischpult SAC (Software Audio Console) mit KYMA, Ableton Live und Analogsynthesizer

Für meine Oper JETZT installierte ich eigens eine aufwendige Surround-Tonanlage in 3 Dimensionen (links/rechts, vorne/hinten, oben/unten), das erlaubte mir eine besonders immersive Klangarbeit. Ein paar konkrete Beispiele:

Im Prolog habe ich die a-capella Alto Stimme verstärkt und gleichzeitig durch Effekte verfremdet. Der Klang wurde von Lautsprechern im Auditorium wiedergegeben, so dass das Publikum in den Klang der Stimme eintaucht und nicht mit einer singenden Person auf der Bühne konfrontiert wird. Live-Effekte ermöglichten eine Akkumulation des Gesangs. Tatsächliche Gesangssounds werden als Klangquelle genutzt und dann mit verschiedenen Live-Effekten bearbeitet. Im Laufe der Zeit überholen die Live-Effekte und produzieren den Sound selbst. Am Ende des Prologs sitzt das Publikum in einer „Kathedrale des Klangs“.

Brice Soniano, Mathis Mayr, Santiago Cimadevilla

Dem Orchester gesellte ich ein Trio aus improvisierenden Musikern hinzu. „Freie Radikale“, die die glatte Oberfläche des Orchesters aufrauen und durch die geschaffene Unschärfe einen neuen Blick auf das Orchester ermöglichen sollen. Tatsächlich haben die drei Musiker, allesamt langjährige musikalische Wegbegleiter, relativ wenig Noten. Das meiste geschieht auf Zuruf und aus dem eigenen musikalischen Impuls der Musiker heraus. Diese wurden stets verstärkt und oft auch mit Effekten versehen.

In einer weiteren Szene nahmen alle 5 Sänger ein Megaphon und schalten es nur für winzige Zeiträume ein, während sie sehr lange Noten singen. Diese Impulse führen zu einer neuen Melodie. Die Idee stammt aus einem Stück von Yannis Kyriakides und habe ich in einer weiteren Szene fortentwickelt: Flöte, Oboe, Klarinette, Basson, Cello, Kontrabass und beide Hände des Bandoneons sind nah mikrofoniert und werden einem Mischpult zugeführt, dessen Mute-Schalter über Midi von der Pianistin aus gesteuert wird. Die acht mittleren weißen Tasten schalten diese Mikrofone ein. Die Signale werden an die Lautsprecher um das Publikum herum weitergeleitet. Durch das Schalten entstehen aus diesen langen Noten neue Melodien.

HAPPY HAPPY Orchestergraben mit Midi-Intrumenten (Keyboards, E-Drums)

Als elektro-akustischer Hybrid konzipiert spielt die Verstärkung von HAPPY HAPPY eine maßgebliche Rolle: die Orchestration ist bewusst im Ungleichgewicht. Acht Solo-Streicher müssen sich gegen sieben Blechbläser, einfaches Holz, 3 Schlagwerker sowie Sampler und Synthesizer behaupten. Um maximal mögliche Transparenz und gleichmässige Schallverteilung über alle Balkone des Rokoko-Theaters zu erreichen, entschied ich mich für ein als Center Cluster geflogenes Array aus fünf Elementen der KS Audio C Line.

Center Cluster im Rokokotheater

Die Solistin Karen Vourc’h trug ein dpa Kopfbügelmikrophon und nutzte einen Handsender während die Streicher mit den dpa 4099 Mikrofonen abgenommen wurden. Der Tiefbass der Synthesizer und Sampler wurde von zwei geflogenen C W18 18“ Subwoofern übernommen. Ich war sehr angetan von dem runden und sehr tief gehenden Frequenzgang dieser Lautsprecher. Es war schon beeindruckend, wie wir mit diesem vergleichsweise kleinen Orchester aus 23 Musikern einen wirklich großen Sound herstellen konnten. Der Tiefbass vergrößerte ganz unaufdringlich das klangliche Geschehen um ein Vielfaches.

Effektlautsprecher

Als Effektlautsprecher plazierte ich vier KS Audio CPD1M in den obersten Balkonen, die in die Kuppel strahlten um einen indirekten Surround-Effektklang zu erhalten. Über diese Lautsprecher hörte man neben Effekteinspielungen den Schluß des Abends: das geloopte Echo der Solistin, die a capella mit sich selbst einen harmonischen Akkord aufbaut.

Die Qualität der Beschallung machte sich ungewöhnlicherweise sogar bei der Kritik bemerkbar. „Die Mischung der Elektronik und des Orchesters wurde mit viel gutem Geschmack und großer Meisterschaft umgesetzt“, schrieb David Christoffel vom Opéra Magazine. „Die Lautsprecher von KS Audio waren Vorraussetzung dafür“, sage ich.

Karen Vourc’h in HAPPY HAPPY

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